(2000 m). Das war für uns ungewohnte ein Schlauch, der kein Ende nehmen woll-te. War das Wetter in den ersten 3 Tagen nur mäßig gewesen, so bescherte uns der Wettergott für den übrigen Teil unserer Alpentour nur eitel Sonnenschein, unterbrochen von einigen Gewittern. Vom Ellmauer Tor kamen wir auf die südliche Seite des Kaisergebirges, was bestimmt die schönere ist. Erst noch durch das “Wüste G`schloß, vorbei an und über Schneefelder, dann zur Gruttenhütte, wo wir um 17:00 Uhr ankamen. Platz war um die Hütte eigentlich genug, aber den geeigneten zum Zelten zu finden, war schwer. Endlich fand sich was. Ein bisschen feucht, deshalb legten wir nachts unter den Zeltboden stets meinen Kleppermantel. Ich kochte, während Horst das Zelt aufbaute. Nach dem Essen und Aufwaschen war es Abend geworden. Ich betrachtete mir eingehend die im Halbkreis nördlich um uns herumliegenden Felsgruppen, noch im Dunkel -werden wurde ich mir einigermaßen über die Namen klar und machte mir für morgen (Donnerstag) ein kleines Programm. Als wir schlafen wollten, kam das immer noch draußen weidende Vieh unserem Wigwam bedenklich nahe und nun mussten Steine geschleppt werden und um uns herum bauten wir einen richtigen Steinwall zum Schutz unseres Zeltes auf. Eine schwere Arbeit bis 21:45 Uhr. Das wir wieder wie die Murmeltiere schliefen, war klar. Um 6:00 Uhr früh ging’s raus und 8:30 Uhr starteten wir seilbeschwert zu größeren Orientierungsaus-flügen. Wir verfolgten die rote Markierung über den Gansanger zur “Roten Rinnscharte” (2Stunden) und nun ohne Seil aber mit Manchtonschuhen leicht zum Gipfel der Ellmauer Halt, 2344 m, damit dem höchsten Punkt des Wilden Kaisers. War es anfangs neblig, so öffnete sich unseren Blicken am Gipfelkreuz mehr und immer mehr lichte Stellen, bis wir nach ½ stündiger Rast durch herr-liche Sicht reich belohnt wurden. Ein Führer erklärte uns manches und jodelnd und jauchzend stieg er vor uns wieder auf demselben Weg hinab. In der “Roten Rinnscharte” stiegen wir statt über den Gansanger, gerade abwärts am Rande von steilen Schneefeldern zur Gruttenhütte. Es war eine üble Schinderei ge-worden. Halb durchnässt und zerschunden mussten wir zugeben, noch keine voll-endeten Meister der alpinen Kletterei zu sein. 14:30 Uhr waren wir am Zelt. Den Nachmittag verbrachten wir essend und bummelnd im Sonnenschein, um-geben von der herrlichsten Felsszenerie, zu. Am anderen Tag kamen wir auch erst gegen neun Uhr fort. Heute hatten wir uns den “Treffhauer” vorgenom-men. Den Weg sahen wir bereits am Vortag von der Ellmauer Halt. Also zur Roten Rinnscharte. Hier blieben wir, bis der Nebeletwas verzog, dann ging es zur anderen Seite hinab. Auf Bändern gequert war es 12:00 Uhr. Über Schnee-felder und 2 Geröllhalden war es 14:00 Uhr, ehe wir überhaupt in die Kletter-schuhe kamen. War bis jetzt, besonders über die steilen Schneefelder, Horst (alter Skiläufer) vorangegangen, ging im Fels ich (alter Kletterbruder) in Füh-rung. Nach kaum einer Stunde kam erneut Nebel und ein Gewitter von Format mit begleitendem Regenguss, der uns ganz durchnässte, entlud sich über uns. Wir machten uns nichts daraus, stiegen Seillänge um Seillänge aus, trieben Haken um Haken ein. Es wurde 16:00 Uhr und es wurde 18:00 Uhr bis wir endlich das Gipfelzeichen erreichten. Total in Wolken gehüllt rauchten wir un-sere Zigaretten. Der Abstieg war leicht und ging flott vonstatten. Wir fanden schnell das große Schuttkar “Die Mutter” und einen anschließenden, großen Ab-sturz sollten wir erst an, dann absteigend umgehen. Es wurde finster. Es gab für uns zwei Möglichkeiten. Horst wollte aufsteigend den Abstieg finden, ich ansteigend. Wir versuchten beides und keines gelang uns. Rasch ging es zu einem der wenigen größeren Latschenbäume und es blieb uns weiter nichts übrig als uns aus zubinden und die Nacht hier zu verbringen. Zu unserem Unglück hat-te uns ein nochmaliger Gewitterguss wieder durchnässt und so war an schlafen nicht zu denken. Zu Hause war gerade um diese Zeit Klubabend und wir malten uns deutlich einen fröhlichen Abend im Kreise der Klubkameraden aus. Singend und mit 3 Zigaretten für zwei verging auch diese Nacht. Früh durchquerten wir den 100 m hohen Wandbruch kletternd, und auf gutem Wege kamen wir, hungrig wie Wölfe, gegen 10:00 Uhr bei dem Zeltlager an. Erst stillten wir den großen Hunger und Durst aus eigenen Beständen, dann hinein in die Gruttenhütte. Ein Bergsteigeressen “ganz groß”, ein Schmarren noch “größer” und die ganze Quä-lerei der vergangenen Stunden war vergessen. Hier saß es sich gut, wenig Be-trieb. Den Nachmittag verbrachten wir bei unserem unvergleichlich schönen La-gerplatz und gaben uns wohlverdienter Ruhe hin. Am anderen Tag, Sonntag, den 24. Juli 38, wachten wir erst um 8:00 Uhr auf, bis wir gegessen, abgerüstet hatten und startbereit waren, war Mittag herangekommen und um 12:45 ging es von der Gruttenhütte an einen kleinen eiskalten Teich, wo wir schnell badeten, vorbei, an herrlichen Almhütten (Steinacker) vorbei, bis wir wegen Regenguss bei Bauern eintreten mussten. “Ah so” war seine, des Bauern, ständige Antwort auf meine Rede. Weiter liefen wir über Bärnstatt. Ein besseres Ausfluglokal war wieder Unterschlupf für 2 ½ stündigen Starkregen. Hier ging es urgemütlich zu. Es wurde gejodelt, geschuhplattelt, dass es eine Lust war dabei zu sein. Unterdes wurde es Abend. Am schönen Hintersteiner See, die große Birken-spitze nahmen wir mit, aßen wir beim nächsten Hintersteiner Bauern zur Nacht und schliefen im Heu wie die Ratten ein. Am Montag 6:00 Uhr raus, die “Stei-nerne Stiege” hinab und auf der Fahrstraße nach Kufstein. Erst kauften wir im “Biedchen” wacker ein, dann setzten wir uns in den Zug und fuhren für 4,20 M über Jenbach nach Meierhofen, wo wir 12:30 Uhr ankamen. Hier proviantierten wir uns nochmals, aber etwas teuerer, so dass bald die Lust zum einkaufen ver-ging. Gegen 14 Uhr verließen wir dies teure Nest und keuchten mit unseren un-heimlich schweren Beulen das Stilluptal hinan. 16:30 Uhr kamen wir zur “Eberl Aste”. Es lud uns gar zu gut ein, infolge dessen drückte Horst plötzlich der Schuh und wir blieben hier. Es waren freundliche Leute und wir fühlten uns sau-wohl unter ihnen. Auf ihrem Herd kochten wir ein zünftiges Nachtmahl und als die goldene Abendsonne die im Hintergrund der Stillup aufragenden Schneegip-fel so herrlich beleuchtete, suchten wir langsam unser Nachtquartier im Heuschober auf. So herrlich haben wir selten geschlafen, wie hier in der “Eberl Aste”. Dienstag wurde ein heißer Tag. Also um 6 Uhr fort. Hinter der Grünen Wand Hütte machten wir eine Rast von 1 ½ Stunden und begannen einen außer-ordentlich steilen, mühsamen Steig zu nehmen. Die Sonne brannte auf unsere entblößten Buckel und als wir gegen 13 Uhr in einer ganz kleinen Sennhütte verschnauften und das Essen kochten, musste ich mich tatsächlich gegen die stechenden Strahlen schützen! Zwei Stunden vergingen wie im Fluge. Doch weiter zwangen wir Meter um Meter unter die Füße, bis wir gegen 18 Uhr endlich, ziemlich erschöpft in der Lapenscharte waren (2700 m). Hier entdeckten wir auch bald unser Ziel, die Greizer Hütte. Obwohl sie nahe schien und wir Kurve um Kurve im Laufschritt nahmen, brauchten wir noch eine ¾ Stunde. Der Zeltplatz war hier denkbar schlecht. Ich konnte nur in einer schlechten Stellung gekrümmt liegen, um überhaupt schlafen zu können. Doch auch daran gewöhnt man sich. Mittwoch früh, nach der Morgentoilette und dem üblichen Kakao, starteten wir zur Besteigung der Gigelitzspitze. Erst wie zur Lapenscharte, dann stiegen wir bei einem Schneefeld über wasserberieselten Fels weiter, immer weiter stundenlang über eine kleine Scharte zum Giglitzturm. Zuletzt mit Seil und Kletterschuhen. Die Aussicht war ganz nett, Fels und Schneegipfel in naher und weiter Ferne boten sich unseren Blicken. Doch bald mahnten dicke schwarze Wolken an den Abstieg. Behänd kletternd und in langen gewagten Sprüngen ging es abwärts. Die ersten Tropfen fielen und unser Zelt winkte immer noch in weiter Ferne. Über grasbewachsenen Fels bei Blitz und Donner rutschten und schinderten wir lange und es wollte kein Ende nehmen bis zu Schuttkar. Dann waren wir doch an der Hütte geborgen, es war 15 Uhr. Im Ziegenstall rasierte ich mich und in der Hütte bei Kaffee, Schmarren und “Flirt”-Zigaretten verbrachten wir den Rest des Tages. Draußen nässte und windet es. Es war wirklich unfreundlich. Wir mussten reichlich Mitleid erweckt haben bei den Wirtsleuten, denn sie boten uns unentgeltlich das Notlager an. Wir schlugen ab, denn wir wollten doch das Zelt nicht umsonst hier heraufgebuckelt haben. Auch sonst können wir Essen und Trinken hier oben in 2300 m als sehr preiswert empfehlen. Donnerstag früh wollten wir eigentlich über die Mörchnerscharte zur Berliner Hütte. Doch ohne Steigeisen riet man uns ab. So ging es in flottem Tempo die “Floite” hinab nach Ginzling, unterwegs wurde eine “15” eingeschoben. Die 1 ½ Stunden sind schnell vergangen und im “Alt Ginzling” aßen wir im Garten ein Menü zu 1,70 M. Wir wurden weder satt noch froh. Na wir wussten uns schon zu helfen. 14:30 Uhr krochen wir in glühender Mittagshitze das Zemmtal aufwärts. Bärtige Männer begegneten uns. Der tosende und tobende Gebirgsbach begleitete uns und bot immer abwechselnde Bilder von gezähmter und entfesselter Kraft der tobenden und kochenden Strudel. Hinter den “Breithahner” sahen wir uns nach Nachtquartier um, denn das Zelt und andere entbehrliche Sachen hatten wir in Ginzling gelassen. Von der ersten Aste wurden wir weiter geschickt, dann kam die Schwemmaste, wo wir unbedingt bleiben wollten, denn das übliche Gewitter war schon wieder über uns. Aber alles war besetzt und überaus dreckig. Also weiter. Kurz vor Dunkelwerden schlichen wir uns in ein abseits gelegenes Heustadel, wo wir in stark duftenden, frischen, heißen fast gärenden Heu so einigermaßen die Nacht verbrachten. Freitag früh am kalten Quellwasser am Wege wuschen wir uns die Dunstrübe und waren nach dem Frühstück bei “Mutter Grün” wieder vollständig beisammen. An der Grawndhütte vorüber, trafen wir um 10:30 Uhr an der Alpenrose Hütte ein, bestellten Mittagessen und da wir heute nicht weiter wollten, gleich das Nachtlager. Nachmittags aalten wir uns auf der nahe gelegenen Wiese, schlugen ein kleines Lager auf und verbrachten hier, in märchenhaft schöner Umgebung und bei prächtigem Wetter, den Nachmittag. Gegen 16 Uhr ging ich allein auf Kundschaft mit Glas und Stäbchen, kroch mühsam einen steilen Hang hinauf und nachdem ich mich satt gesehen und geraucht hatte, quälte ich mich weiter um seitwärts abzusteigen und fand zu meiner Freude einige hübsche Edelweißblumen. Ich schmückte meinen Hut und stieg wieder zu Horst ins Lager hinab. In Gesellschaft von Ochsen und Kühen, Schweinen etc. kochten wir noch ein solides Mahl und aßen in der Hütte unseren üblichen Kaiserschmarren obendrein. Ge-schlafen haben wir diesmal ganz groß. Diwan und zwei mollige Decken für 80 Pf. Am nächsten Tag ging es 5 Uhr raus. 5:45 Uhr fort über tosendes Wasser auf gewagten Stegen, weiter auf markierten Pfad in 4 Stunden zum Schönbichler Horn. Als Berg gar nichts wert aber die Aussicht auf alle Fälle lohnend, genossen wir die nicht zu beschreibende, prächtige Rundschau. Mit und ohne Glas bewaffnet konnten wir kaum satt werden an der Überfülle schneebedeck-ter Bergriesen und ragender Felsspitzen. Neben uns stand auch so ein netter Gipfel, die Furtschagelspitze. Wir ließen Rucksack und Nagelschuhe in einer kleinen Scharte und beschlossen seine Besteigung. In hübscher anregender Gratkletterei anfangs Schneefelder querend, auf und absteigend gewannen wir mittags 12 Uhr den Gipfel. Um diese Stunde in 3200 m Höhe in Badehose in der prallen Sonne, wer da nicht braun wird, wird es überhaupt nicht, der ist nicht gesund. Wir waren es! Wir stiegen nach einstündiger Gipfelrast zum Rucksack ab und weiter westwärts zum Furtschagelhaus (2400 m). Hier wurde ausgiebig gespeist und nicht schlecht, versteht sich. 16:30 Uhr nahmen wir Abschied von der gewaltigen Gletscherwelt und in unzähligen Serpentinen ging es weit hinab ins einsame, öde Schlegeistal. Von etlichem Asten, die hier stehen sollten, sahen wir keine. Nach einstündigem flotten Marsches stand das gewohnte Gewitter wieder über uns. Um nicht gar zu sehr einzuregnen, beschleunigten wir unsere Schritte zu höchstmöglichem Tempo und erreichten kurz vor Losbrechen des himmlischen Segens die Dominikushütte. Wir ließen es uns hier gut sein, löschten den Durst und stillten den Hunger, bis wir uns dann in die Kapsel warfen. Herrlich schlief es sich hier für 60 Pfennige. Strohsack und zwei dicke Decken. Sonntag früh war es wieder schön. Das Zamsertal hinab zum Breithahner und auf bekannten Weg durch das schöne Zemmtal nach Ginzling. Vorher, bei einer Aste, tranken wir uns an Buttermilch richtig satt, die auch bei Horst nachmittags richtig ihre Wirkung tat. Das Klosettpapier nahm rapide ab. Dann bei einer neu erbauten Holzbrücke kochten wir noch mal zünftig ab. In herrlichster Sonne am rauschenden Bach in Badehosen Waldbeeren pflücken, die ich auch ohne Brille in Massen sah, ist ein Genuss für sich, während die Erpssuppe mit Schinken und Wurst im Topfe langsam kochte. Wir nahmen uns Zeit, denn bis Mayerhofen, unserem heutigen Ziel, waren es höchstens 14 Km. In Ginzling nahmen wir wieder unser Zelt und volles Gepäck auf und schlenderten gemütlich das wunderschöne Zemmtal abwärts, das besonders im unteren Teil immer neue herrliche Motive bot. Unterwegs bei einer Milchwirtschaft wurde noch mal billig Kaffee und Kuchen gegessen, denn es war ja Sonntag und den soll man “heiligen”. Bald ging es über Brücken, bald durch Schluchten, durch Löcher, an Klamms vorüber, immer neue Schönheiten bietend, dem Ziel näher. Als die goldene Abendsonne hinter den Bergen versank, zogen so zwei Wanderburschen in ein kleines Städtchen (Mayerhofen) ein. Plötzlich sperrten zwei mit Revolvern bewaffnete Leute in Kluft den Weg. Ihre Frage nach Edelweiß, beantworteten wir, nicht ungesetzmäßig gepflückt zu haben. Sie glaubten uns. Bei den ersten Bau-fern den wir um Nachtquartier im Heu baten klappte es. Noch mal wurde Suppe gekocht, während ich im Dorf einkaufen ging. Gut haben wir in der letzten Nacht in der Fremde geschlafen. 5:30 Uhr weckte ich, kochte Kakao und kurz vor 6 Uhr ging ein Frühgewitter nieder, doch wir saßen schon wohlgeboren im Zug. Es goss in Strömen, während wir langsam Jenbach zurollten. Interessiert beobachteten wir die Leute in ihrer malerischen Tracht. Von Jenbach, wo wir eine Stunde Aufenthalt hatten, ging es nun immer im Schnellzug weiter. Nur in München stiegen wir noch um. Zu Mittag ging der Dresdner Zug ab. Im Wagen-Abteil war fürchterliche Hitze. Der Zug war sehr voll, doch hatten wir noch Sitzplätze erwischt. Durch 3 Gewitter fuhren wir noch während des Nachmittages und kamen 21:45 Uhr mit knapp einstündiger Verspätung in Dresden an.
Hoch befriedigt, reich an Eindrücken war unsere erste Alpenfahrt zu Ende. Hatten wir doch alles programmgemäß erledigen können. Im Kaiser drei zünftige Felsklettereien: Totenkirchl - Ellmauer Halt - Treffhauer.
Für die Zillertaler hätten wir zu Eistouren wohl Steigeisen und Pickel unbedingt benötigt, aber auch so, ohne diese Hilfsmittel, sind uns drei schöne Felsklette-reien gelungen: Giglitzturm - Schönbichler Horn - Furtschagelspitze.
Begünstig von schönen, besonders in der 2. Ferienwoche in den Zillertaler Alpen, herrlichen klaren Tagen, haben wir die Naturschönheiten in vollen Zügen trinken können. Wir hoffen noch viele solche prächtigen Alpentouren erleben zu können. Berg Heil 30.08.1938 Fritz Voigt
